Vermächtnisse

Mauricio Kagel (1931 – 2008) «In der Matratzengruft» – Versuch einer Beschreibung nach Worten von Heinrich Heine, für Solotenor und Instrumentalensemble (2007 – 2008, SEA)

Jean Barraqué (1928 – 1973) Concerto pour six formations instrumentales et deux instruments (1962 – 1968)

Montag, 29. Januar 2018
20 Uhr, Einführung 19 Uhr
Tonhalle Maag
Zahnradstrasse 22
8005 Zürich

Collegium Novum Zürich
Michael Pflumm Tenor
Ernesto Molinari Klarinette
Brian Archinal Vibraphon
Emilio Pomàrico Dirigent

Veranstalter
Collegium Novum Zürich in Zusammenarbeit mit der Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Mauricio Kagel vollzog in seinen späten Jahren eine erstaunliche Entwicklung, die – ähnlich wie bei György Ligeti – eine Öffnung und auch eine Hinwendung zur Tradition andeutete. «In der Matratzengruft» ist seine letzte Komposition: «Die Idee zu diesem Werk entstand unmittelbar nach der Lektüre des Nachworts zum Romanzero, das Heinrich Heine Ende September 1851 verfasste. Bis zu seinem Tode fünf Jahre später blieb Heine in einer Dachkammer in seinem Sterbebett, wie angebunden, liegen. Und doch dichtete er weiter und schmiedete in dieser letzten Lebensperiode zahlreiche Verse, die vielleicht zu seinen grossartigsten gehören.
In meinem Stück kristallisierten sich allmählich zwei thematische Stränge heraus. Der eine wurde durch die zunehmende Zerbrechlichkeit des todgeweihten Heines gebildet, der im Bewusstsein seines physischen Zustands der definitiven Regungslosigkeit – wie ein sich langsam leerender Luftballon – sein Leben beenden wird. Die nicht nachlassende Glut des Poeten, weiter zu dichten, bildet die zweite Ebene, ein Liebeswerben um den präzisen Ausdruck und die eindeutige Bedeutung sich reimender Worte. Beide Stränge treiben den chronisch Sterbenden ohne Widerruf weiter.» – so Mauricio Kagel über dieses Werk, das er unvollendet hinterliess: Im letzten Satz mit dem Beginn «Mich ruft der Tod» bricht die ausgearbeitete Partitur ab.
Jean Barraqué war ein Generationsgenosse von Mauricio Kagel. Sein Gesamtwerk ist quantitativ schmal – zumal er seine frühen Kompositionen vernichtet hat. Wie er die Funktion von Kunstmusik sah, hat er so formuliert: «Musik ist Drama, Pathos, Tod. Ist sie das nicht, ist sie nicht die Überschreitung aller Grenzen, dann ist sie überhaupt nichts. Musik, die nur schön ist, ist lachhaft. Eine Musik der Lebensfreude wie Rossini zu schreiben, das ging im frühen 19. Jahrhundert noch an, heute ist es nicht mehr möglich.» Harry Halbreich meinte: «Barraqués ganzes Werk ist geprägt von schrecklicher Verzweiflung, die durch keinen religiösen oder ideologischen Glauben erhellt ist und ganz von dem grossen Schatten des Todes beherrscht wird.» Und dennoch: «Im ‹Concerto›, seinem letzten, vielleicht schönsten Werk, ist ein neuer, befreiter Ton zu spüren, voll von spielerisch überall hin strebender Virtuosität (‹wie ein Hirschkäfer›, meinte Barraqué). Und doch dunkelt sich auch hier die Musik zuletzt ein. Barraqué zitiert da Schlusswendungen seiner zuvor vollendeten fünf Werke.» (Wolfgang Fuhrmann)

Spuren der Avantgarde
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