Geschichten von Soldaten

Igor Strawinsky (1882 – 1971) „L’histoire du soldat“ für sieben Instrumente (1918, Suite)*

Mithatcan Öcal (*1992) „Belt of Sympathies“ für Ensemble (Uraufführung, Auftragswerk des CNZ, ermöglicht von der Landis & Gyr Stiftung)*

George Aperghis (*1945) „Le soldat inconnu“ (2014) für Bariton und Ensemble*

Dienstag, 20. September 2016
20 Uhr, Einführung 19 Uhr
Tonhalle, Grosser Saal
Claridenstrasse 7
8002 Zürich

Collegium Novum Zürich
Lionel Peintre Bariton
Emilio Pomarico Dirigent

Veranstalter
Collegium Novum Zürich in Zusammenarbeit mit der Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Mit Strawinskys Werk ist gleichsam eine historische Spur gelegt und wird der Fokus Osten, der in der Saison 2016/2017 einen programmatsichen Schwerpunkt in den Programmen des CNZ bildet, ein erstes Mal in den Blick gerückt: Strawinsky konzipierte „L’histoire du soldat“ zu einem Zeitpunkt, als Europa von den Verheerungen des 1. Weltkrieges gezeichnet war. In diesem ersten grossen Weltenbrand versank auch eine Musik, die auf den Idealen des 19. Jahrhunderts basierte. Strawinsky und Ramuz gehörten mit „L’histoire du soldat“ zu den ersten, die einen radikalen Neubeginn versuchten: Statt raffinierter theatraler Illusion proklamierten sie ein Theater der Armut, geschrieben für eine Wanderbühne und nicht für einen glamourösen Kunsttempel. An die Stelle eines farbenreichen Riesenorchesters trat ein Miniaturensemble aus sieben Instrumenten. Das Publikum wurde nicht mit einer Flut von Klängen überwältigt, sondern mannigfache Verfremdungen und Brechungen provozierten eine distanziert beobachtende Haltung.

Georges Aperghis, griechisch-französischer Komponist, bezieht sich in „Le soldat inconnu“ einerseits auf Strawinskys „L’histoire du soldat“: in der Besetzung, im Einbezug melodramatischer Elemente und vor allem in einer sich von allem Sentimentalen und Psychologisierenden fernhaltenden Ästhetik. Das Werk entstand aus Anlass der hundertsten Wiederkehr der Ausbruchs des 1. Weltkriegs. Der verlorene Soldat, welcher der Protagonist des Werkes ist, verkörpert gleichsam den Archetypus des dem sinnlosen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt ausgelieferten Menschen. In seinem Text bezieht sich Aperghis unter anderem auf Franz Kafkas kurze Erzählung „Das Stadtwappen“, die am Beispiel des Turmbaus zu Babel eine Allegorie menschlichen Scheiterns entwirft.
Die Werke von Aperghis und Strawinsky bilden den Rahmen für ein neues Werk eines Komponisten, für den die Erfahrung von Repression und Gewalt Alltag ist. Mithatcan Öcal ist ein türkischer Komponist mit kurdischem Hintergrund, der mit seiner Musik auf diese Erfahrungen reagiert. Die von diesem gerade 24jährigen Komponisten bislang vorgelegten Werke zeigen, dass hier eine ganz aussergewöhnlich starke kompositorische Begabung erwacht ist. Das CNZ sieht es als eine seiner vordringlichen Aufgaben an, solch exzeptionellen Künstlern Gehör zu verschaffen.

*Fokus Osten

Programmheft

Musik im Industrieraum II